Warum es für den langfristigen Vermögensaufbau wichtiger sein kann, breit investiert zu sein, als die Gewinner von morgen vorherzusagen.
Welche Aktien werden in den kommenden Jahren besonders erfolgreich sein? Welche Unternehmen könnten sich zu den nächsten großen Börsengewinnern entwickeln?
Diese Fragen beschäftigen viele Anleger. Doch die Börsengeschichte zeigt, wie schwierig es ist, besonders erfolgreiche Unternehmen frühzeitig zu erkennen.
Eine wissenschaftliche Untersuchung von Hendrik Bessembinder liefert dazu bemerkenswerte Erkenntnisse.
1. Was zeigt uns die Börsengeschichte?
Der Finanzwissenschaftler Hendrik Bessembinder untersuchte die langfristige Entwicklung von 29.754 US-Aktien über den Zeitraum von 1926 bis 2025.
Die Ergebnisse verdeutlichen, wie unterschiedlich sich einzelne Aktien über lange Zeiträume entwickeln können.
Drei Erkenntnisse sind besonders bemerkenswert:
- Nur rund 3,7 % der untersuchten Aktien waren rechnerisch für den gesamten Nettovermögenszuwachs des US-Aktienmarktes gegenüber kurzfristigen US-Staatsanleihen verantwortlich.
- Lediglich 46 Unternehmen erwirtschafteten rund die Hälfte des gesamten untersuchten Nettovermögenszuwachses.
- Rund 59 % der Aktien entwickelten sich über ihre jeweilige Börsenlebensdauer schlechter als kurzfristige US-Staatsanleihen.
Diese Ergebnisse zeigen: Die langfristige Vermögensbildung am Aktienmarkt war historisch stark auf eine vergleichsweise kleine Anzahl besonders erfolgreicher Unternehmen konzentriert.
Dabei ist wichtig: Die Untersuchung bezieht sich auf den US-Aktienmarkt und verwendet bestimmte wissenschaftliche Berechnungsmethoden. Ihre Ergebnisse lassen sich nicht uneingeschränkt auf andere Märkte oder zukünftige Zeiträume übertragen.
2. Die Herausforderung: Wer kennt die Gewinner von morgen?
Im Rückblick erscheinen manche Anlageentscheidungen offensichtlich.
Heute wissen wir, welche Unternehmen in der Vergangenheit außergewöhnlich erfolgreich waren.
Doch zum damaligen Zeitpunkt war keineswegs sicher, welche Unternehmen sich langfristig durchsetzen würden.
Technologische Veränderungen, neue Wettbewerber, wirtschaftliche Krisen und veränderte Kundenbedürfnisse können dazu führen, dass einst erfolgreiche Unternehmen an Bedeutung verlieren.
Gleichzeitig können vergleichsweise unbekannte Unternehmen zu bedeutenden Marktführern aufsteigen.
Für Anleger entsteht dadurch eine grundlegende Herausforderung:
Wer sein Vermögen auf wenige ausgewählte Aktien konzentriert, kann zwar überdurchschnittliche Gewinne erzielen, trägt aber auch das Risiko erheblicher Verluste oder einer schlechteren Entwicklung als der Gesamtmarkt.
Besonders problematisch kann es sein, wenn die wenigen außergewöhnlich erfolgreichen Unternehmen nicht im eigenen Portfolio enthalten sind.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie sich mögliche Verlierer vermeiden lassen, sondern auch, wie Anleger an der Entwicklung zukünftiger Gewinner teilhaben können.
3. Breite Streuung: Ein sinnvoller Ansatz für langfristige Anleger
Eine Möglichkeit, mit dieser Unsicherheit umzugehen, besteht darin, das Anlagevermögen auf viele unterschiedliche Unternehmen zu verteilen.
Statt einzelne zukünftige Gewinner identifizieren zu müssen, können Anleger über breit diversifizierte Aktienfonds oder ETFs an der Entwicklung zahlreicher Unternehmen beteiligt sein.
Ein weltweit ausgerichteter Aktien-ETF kann beispielsweise Unternehmen unterschiedlicher Größen, Branchen und Regionen enthalten.
Dieser Ansatz bietet mehrere mögliche Vorteile:
Teilnahme an der Marktentwicklung
Anleger können an der Entwicklung erfolgreicher Unternehmen teilhaben, sofern diese Bestandteil des abgebildeten Index sind. Allerdings werden nicht zwangsläufig sämtliche Kursgewinne eines Unternehmens erfasst.
Verteilung unternehmensspezifischer Risiken
Die Wertentwicklung hängt weniger stark vom Erfolg oder Misserfolg einzelner Unternehmen ab.
Vergleichsweise niedrige Kosten
Viele breit diversifizierte Indexfonds und ETFs ermöglichen eine kosteneffiziente Beteiligung an den Kapitalmärkten.
Nachvollziehbare Anlagestrategie
Anstelle häufiger Entscheidungen über einzelne Aktien kann eine langfristig ausgerichtete Anlage auf transparenten Regeln und einer klaren Vermögensstruktur beruhen.
Allerdings gilt auch hier: Nicht jeder ETF ist automatisch breit gestreut oder kostengünstig. Die konkrete Indexzusammensetzung und die Gesamtkosten müssen berücksichtigt werden.
4. Diversifikation bedeutet nicht Risikofreiheit
Eine breite Streuung kann Risiken reduzieren, jedoch nicht vollständig ausschließen.
Auch weltweit investierende Aktienfonds und ETFs unterliegen den Schwankungen der Kapitalmärkte.
Bei allgemeinen Börsenrückgängen können zahlreiche Unternehmen gleichzeitig an Wert verlieren. Dadurch sind auch bei breit diversifizierten Portfolios erhebliche zwischenzeitliche und langfristige Verluste möglich.
Weitere Risiken können sich beispielsweise aus Währungsschwankungen, regionalen oder branchenspezifischen Schwerpunkten sowie einer hohen Gewichtung einzelner großer Unternehmen ergeben.
Hinzu kommt, dass nicht jeder Anleger einen ausreichend langen Anlagehorizont besitzt, um stärkere Wertschwankungen wirtschaftlich und emotional verkraften zu können.
Deshalb sollte die Entscheidung für einen Aktienfonds oder ETF niemals ausschließlich auf der Erwartung langfristiger Kurssteigerungen beruhen.
Entscheidend ist, dass die gewählte Geldanlage zu den persönlichen Zielen, zur finanziellen Situation und zur individuellen Risikotragfähigkeit passt.
5. Was bedeutet das für eine langfristige Anlagestrategie?
Die Ergebnisse der Bessembinder-Studie sprechen dafür, bei der Geldanlage die Risiken einer Konzentration auf wenige Einzelaktien bewusst zu berücksichtigen.
Sie beweisen jedoch nicht, dass ein bestimmter ETF oder eine passive Strategie in jedem Fall die beste Anlagelösung ist.
Für einen langfristigen Vermögensaufbau kommt es auf mehrere Faktoren an:
Eine klare Zielsetzung, eine geeignete Aufteilung des Vermögens auf unterschiedliche Anlageklassen, eine angemessene Risikostruktur und ein bewusster Umgang mit Kosten.
Ebenso wichtig ist es, die gewählte Strategie nicht aufgrund jeder kurzfristigen Börsenbewegung infrage zu stellen.
Breit diversifizierte Aktien-ETFs können hierfür geeignete Bausteine sein. Je nach Anlegerprofil kann jedoch auch eine Kombination mit Anleihen oder anderen Anlageformen sinnvoll sein.
6. Warum persönliche Finanzberatung einen Mehrwert bieten kann
Die Bessembinder-Studie verdeutlicht, warum es schwierig ist, langfristigen Anlageerfolg allein auf die Auswahl einzelner vermeintlicher Gewinneraktien zu stützen.
Aus meiner Sicht besteht gute Finanzanlagenberatung deshalb nicht darin, die Gewinner von morgen vorherzusagen.
Vielmehr geht es darum, gemeinsam mit dem Mandanten eine geeignete und nachvollziehbare Anlagestrategie zu entwickeln.
Dazu gehören insbesondere die Ermittlung persönlicher Anlageziele, die Betrachtung der finanziellen Verhältnisse und der Verlusttragfähigkeit sowie die verständliche Erläuterung von Chancen, Risiken und Kosten.
Auch das Verhalten bei stärkeren Marktschwankungen spielt eine wichtige Rolle.
Denn eine langfristige Strategie kann ihren Zweck verfehlen, wenn sie aufgrund kurzfristiger Emotionen im ungünstigen Moment aufgegeben wird.
Eine persönliche Beratung kann dazu beitragen, Anlageentscheidungen sachlich einzuordnen und an den individuellen Zielen auszurichten.
Fazit: Sie müssen die Gewinner von morgen nicht kennen
Die Börsengeschichte zeigt eindrucksvoll, dass nur ein kleiner Teil der Unternehmen für einen großen Anteil des langfristigen Vermögenszuwachses verantwortlich war.
Welche Unternehmen künftig dazugehören, lässt sich allerdings nicht zuverlässig vorhersagen.
Eine breit diversifizierte Vermögensanlage kann deshalb eine sinnvolle Alternative zum Versuch darstellen, einzelne zukünftige Gewinner gezielt auszuwählen.
Meine Beratungsphilosophie lautet: Nicht die Vorhersage einzelner Börsengewinner steht im Mittelpunkt, sondern eine langfristige, breit diversifizierte und auf Ihre persönlichen Ziele abgestimmte Anlagestrategie.
Denn wir können die Gewinner der Zukunft nicht sicher bestimmen. Wir können aber bewusst entscheiden, wie wir unser Vermögen strukturieren und welche Risiken wir dabei eingehen möchten.
Häufig gestellte Fragen
Sind Einzelaktien grundsätzlich schlechter als ETFs?
Nein. Einzelaktien können überdurchschnittliche Gewinne ermöglichen, bergen aber auch spezifische Unternehmensrisiken. Ein breit gestreuter ETF verteilt das Anlagevermögen auf mehrere Unternehmen und reduziert dadurch bestimmte Konzentrationsrisiken.
Garantiert ein weltweit gestreuter ETF langfristige Gewinne?
Nein. Auch langfristig können Verluste entstehen. Eine breite Diversifikation verringert einzelne Risiken, schützt jedoch nicht vor allgemeinen Rückgängen an den Kapitalmärkten.
Ist ein Aktien-ETF für jeden Anleger geeignet?
Nein. Ob eine Aktienanlage geeignet ist, hängt unter anderem vom Anlagehorizont, der finanziellen Situation, der Risikobereitschaft und der Fähigkeit ab, Verluste zu tragen.
Wissenschaftliche Quelle
Hendrik Bessembinder (2026): One Hundred Years in the U.S. Stock Markets, Arizona State University, veröffentlicht am 20. März 2026, überarbeitete Fassung vom 27. September 2026.
Öffentlich zugänglich unter: https://ssrn.com/abstract=6438198
Die Studie untersucht historische Ergebnisse am US-Aktienmarkt. Ihre Ergebnisse stellen weder eine Prognose zukünftiger Marktentwicklungen noch einen Nachweis für die Überlegenheit eines bestimmten Anlageprodukts dar.
Wichtige rechtliche Hinweise
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und Finanzbildung. Er stellt keine individuelle Anlageberatung, keine persönliche Anlageempfehlung und keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf bestimmter Finanzinstrumente dar.
Finanzanlagen sind mit Risiken verbunden. Der Wert von Aktien, Investmentfonds und ETFs kann steigen oder fallen. Erhebliche Verluste bis hin zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Auch eine breite Streuung bietet keinen vollständigen Schutz vor Verlusten.
Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse.
Eine geeignete Finanzanlage muss den persönlichen Anlagezielen, Kenntnissen und Erfahrungen, finanziellen Verhältnissen sowie der individuellen Risikotoleranz des Anlegers entsprechen.
Individuelle Anlageempfehlungen erfolgen ausschließlich im Rahmen einer persönlichen Finanzanlagenberatung unter Beachtung der gesetzlichen Anforderungen.
Verfasser: Markus Herr, CFP
Finanzanlagenvermittlung und -beratung im Umfang der bestehenden Erlaubnis nach § 34f GewO. Informationen zum Vermittlerstatus und zur zuständigen Aufsichtsbehörde finden Sie im Impressum und in der Erstinformation.








